Reha für Long-Covid-Patienten

Ein Interview zum Thema "Reha für Long-Covid-Patienten" mit Dr. med. Kai Dreßler, Chefarzt für Orthopädie, Rehaklinik Bad Bocklet

Ein Interview mit Dr. med. Kai Dreßler, Chefarzt für Orthopädie, Rehaklinik Bad Bocklet

Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie wachsen die Erkenntnisse über die Viruserkrankung. Langzeitfolgen überstandener Covid19-Erkrankungen reichen von organischen bis hin zu psychischen Schäden. Während die strukturellen Erkrankungen relativ schnell erkannt und gezielt therapiert werden können, braucht es für die Therapie  nicht-organischer Erkrankungen ein interdisziplinäres Team – und Zeit.

Dr. med. Kai Dreßler, Chefarzt für Orthopädie an der Rehaklinik Bad Bocklet, beschreibt den oftmals langen Weg Betroffener von ihrer Erkrankung bis hin zum Heilungsprozess.

Womit haben Patienten, die eine Covid19-Erkrankung überstanden haben, vornehmlich zu kämpfen?

Das ist sehr unterschiedlich. Viele organische Schäden können relativ schnell identifiziert und in der Regel angemessen therapiert werden. Es gibt allerdings eine große Anzahl an Menschen ohne erkennbare strukturelle – also organische – Schäden, die sich trotzdem stark eingeschränkt fühlen. Sie sind nicht mehr so leistungsfähig, wie sie es vor der Erkrankung waren.

Wie können Sie Betroffenen helfen?

Zeit und interdisziplinäre, also bereichsübergreifende, ärztliche Betreuung, sind wichtige Faktoren für den Heilungsprozess von Betroffenen. Wenn den Beschwerden keine eindeutige organische Ursache zugrunde liegt, ermitteln wir in der Reha mit Betroffenen die individuellen Probleme und passende Ansätze zur Bewältigung. In unserer Reha-Klinik arbeiten Mediziner und Therapeuten aus unterschiedlichen Disziplinen eng zusammen, um die richtige Therapie für jeden Patienten zu entwickeln. Weil wir mehrere Wochen am Stück mit unseren Patienten arbeiten können, übernehmen wir in der Zeit die Funktion der Hausarztpraxis. Allerdings mit Ärzten aus vielen Bereichen und viel Zeit für jeden Patienten, was über eine spürbare Vertrauensbasis ein effektives Arbeiten erst möglich macht.

Wie kann eine Reha Betroffenen darüber hinaus helfen?

Die Distanzierung Betroffener vom gewohnten Umfeld dient der Effektivität, die wiederum motiviert und zur gewünschten Nachhaltigkeit führt. Therapieziele werden hierbei nicht kurzfristig formuliert. Es geht immer um das vermittelte Bild: warum der Körper reagiert, wie er reagiert, und eine Strategie für den zukünftigen Umgang damit im Alltag entwickeln lässt. Eine therapeutische Maßnahme alleine heilt keinen Patienten. Die Erkenntnis aus der Therapie muss im Nachgang im Alltag umgesetzt werden, konsequent und mit langfristiger Perspektive.

Was bieten Sie Betroffenen in der Reha-Klinik konkret an?

Wir, ein Team aus Orthopäden, Internisten, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, besprechen mit jedem Patienten seine individuelle Situation, das Beschwerdebild und die Ziele der Reha. Wir helfen den Betroffenen, ihren Problemen eine Gestalt zu geben und damit ihren Heilungsprozess eigenverantwortlich gestalten zu können. Nach der Reha gehen die Betroffenen nicht gesund nach Hause, sondern: sie werden auf ihren Weg der Gesundung nach Hause entlassen. Sie haben ein Verständnis für ihr Problem, ein Ziel und das notwendige Wissen, um es eigenständig zu verfolgen und schließlich auch zu erreichen.

Was können Patienten selbst für sich tun?

Vor allem Achtsamkeit lernen und praktizieren.  Eigene Schwächen und Stärken erkennen. Sich um sich selbst kümmern. Probleme in Bilder übersetzen und dann selbst gestalten.

Haben Covid19-Patienten einen Anspruch auf eine Reha?

Versicherte haben einen Anspruch auf eine Reha, wenn eine Einschränkung im Alltag besteht, die ambulant nicht ausreichend erfolgreich behandelt werden kann. Der Antrag wird gemeinsam mit dem behandelnden Haus- oder Facharzt gestellt.

 

Hier der Beitrag in der ZDF-Mediathek: